3 Hadithe, die nicht so bekannt sind

Es gibt Hadithe, die Google vervollständigt. Für den Hadithanfang "Der beste unter euch ist derjenige" hat Google beispielsweise gleich mehrere Vorschläge parat. Hadithe wie diese werden tausendfach online und in sozialen Medien geteilt. Sie werden immer wieder "erinnert". Es gibt aber auch Hadithe, die in Vergessenheit geraten sind.

5 schwarze Bücher auf einem grafischen Hintergrund, in denen Hadithe gesammelt sind

In einem meiner Uni-Seminare hatten die Studierenden die Aufgabe, Hadithe zu einem bestimmten Thema in ihren unterschiedlichen Varianten zu analysieren.


Eine Studentin aus der Gruppe, die das Thema “Moscheebesuch von Frauen” hatte, berichtete, dass sie nur die Hadithversion kannte, die den Frauen davon abrät, zum Gebet in die Moschee zu gehen und stattdessen lieber zu Hause zu beten. Sie war überrascht, dass dieser Hadith nur eine - und obendrein eine sehr schwach überlieferte - Version war und es Hadithe gibt, die genau das Gegenteilige sagen; in denen der Prophet nämlich ausdrücklich verbietet, Frauen vom Moscheebesuch abzuhalten. Sie sind in der Mehrheit und viel besser überliefert.


Das stimmte mich nachdenklich. Warum waren bestimmte Hadithe so bekannt und andere nicht? Es ist nicht so, dass diese "vergessenen" Hadithe nicht aufzufinden sind. Sie stehen in denselben Hadithbüchern wie all jene Hadithe, die heute so oft in Predigten wiederholt werden, dass es schon manchmal langweilig werden kann.


Dabei gibt es spannende, weniger bekannte Hadithe, über die es sich lohnt, nachzudenken. Ich habe drei 3 solcher Hadithe rausgesucht.

Der „Das macht nichts!“-Hadith

Die erste muslimische Community hat die Wallfahrt (Hadsch) nur ein einziges Mal zusammen mit dem Propheten durchführen können. Wenige Monate danach verstarb er. Aus diesem Grund wird dieser auch der "Abschieds-Hadsch" genannt. Abdullāh b. ʿAmr berichtet, dass sich währenddessen Folgendes ereignet habe:

Während der Abschiedswallfahrt blieb der Prophet bei Mina für die Menschen stehen. Die Menschen stellten ihm Fragen. Ein Mann kam zu ihm und sagte: „Ich vergaß und rasierte mich ohne ein Tier geopfert zu haben.“ Der Prophet sagte: „Das macht nichts, opfere (jetzt) ein Tier!“ Eine andere Person kam und sagte: „Ich vergaß und opferte ein Tier ohne den Teufel gesteinigt zu haben.“ Der Prophet sagte: „Das macht nichts, steinige den Teufel (jetzt)!“

Den Menschen, die aus Vergesslichkeit die Reihenfolge der Hadsch-Rituale nicht eingehalten haben, antwortet der Prophet mit einer pragmatischen Herangehensweise: Habt ihr es vergessen, dann tut es jetzt! Praktikabel und unkompliziert - so erscheint Religion hier. Sie kann sich an die unterschiedlichen Situationen und Umstände anpassen und soll zu keiner Belastung für den Menschen werden.


Mehr noch: Menschliche Schwächen wie Vergesslichkeit oder Überforderung werden nicht als ein "Problem" angesehen, das zu beklagen, zu unterdrücken oder zu beheben ist, sondern als etwas, das ganz natürlich zum Menschsein gehört und eben "passiert".

Aischas feministische Kritik

Stöbert man in der Hadithsammlung von Muslim, stößt man auf folgenden Hadith, der von Abū Huraira überliefert wird:

,Der Prophet sagte: Das Gebet wird durch (das Vorbeilaufen) einer Frau, eines Hundes und eines Esels unterbrochen (d.h. ungültig); so etwas/ein Gegenstand wie ein Sattel schützt aber davor.' "

Liest man nur diese Hadithversion, bleibt man zurück mit einem unguten Gefühl, werden doch hier Frauen mit Hund und Esel verglichen. Kann es wirklich sein, dass der Prophet Muhammad so etwas gesagt hat?


Die Antwort von Aischa - einer Ehefrau des Propheten - ist eindeutig, wie wir in einem anderen Hadith erfahren:

"Stellst du uns auf dieselbe Stufe wie Hunde und Eseln? Während ich auf meinem Bett lag, pflegte der Prophet zu kommen und direkt in Richtung meines Bettes zu beten. Ich fand es nicht gut, während seines Gebets aufzustehen. Deswegen schlich ich mich langsam und leise vom Bettende weg bis ich (schließlich) aus meiner Decke herauskroch."

Sie reagiert empört, als sie erfährt, dass so ein Ausspruch dem Propheten zugeschrieben wird. Ihre Zweifel an der Richtigkeit des Hadith untermauert Aischa mit dem Hinweis auf die prophetische Praxis. Als Ehefrau, die viel Zeit mit dem Propheten verbracht, ist sie im Vorteil.


Im Übrigen war das nicht der einzige Hadith, den Aischa richtiggestellt hat. Sie ist bekannt dafür, dass sie Hadithe, die von anderen falsch oder fehlerhaft weitergegeben bzw. verstanden wurden, korrigiert hat. Ihr Wissbegier und Scharfsinn brachten ihr Respekt auch unter späteren muslimischen Gelehrten. Sie gilt als wichtige Hadithgelehrtin.

Die relaxte Beziehung zum Propheten

Die Prophetengefährten hatten unterschiedliche individuelle Charaktere, Neigungen und Interessen. Abdullah ibn Amr ist beispielsweise bekannt dafür, dass er "übermotiviert" war, was die Religionsausübung angeht, sodass der Prophet ihn das ein und andere Mal bremsen musste. Abdullah berichtet von folgender Unterhaltung mit dem Propheten:

Der Gottesgesandte – Gott segne ihn und spende ihm Heil – sagte mir: "Rezitiere den Koran innerhalb eines Monats." Ich sagte: "Ich bin imstande, ihn in einer noch kürzeren Zeit zu rezitieren." Dann sagte er: "Dann rezitiere ihn in zwanzig Nächten." Ich sagte: "Ich bin imstande [ihn in einer kürzeren Zeit zu rezitieren]", woraufhin er sagte: "Dann rezitiere ihn in sieben [Nächten] aber unterschreite dies[e Grenze] nicht."

Andere Hadithversionen verraten mehr über den Anlass dieses Gesprächs: Der Prophet erfährt, dass Abdullah jede Nacht den bis dahin offenbarten Koran rezitiert sowie jeden Tag fastet. Der Prophet versucht ihm also ans Herz zu legen, es langsamer angehen zu lassen.


Interessant ist, wie Abdullah darauf reagiert: Er "verhandelt" mit dem Propheten eine Erlaubnis aus, den Koran doch in kürzerer Zeit zu rezitieren, als der Prophet empfiehlt. Und der Prophet? Er geht auf das Bedürfnis Abdullahs ein.


Auch aus anderen Hadithen wissen wir, dass die Ratschläge und Anweisungen des Propheten unterschiedlich ausfielen, je nachdem mit welcher Person er sprach. Einem Mann, der dem Propheten gesagt haben soll "O Prophet, die Regeln des Islam sind mir zu viel, gib mir etwas, woran ich mich festhalten kann" soll der Prophet geraten haben: " Höre nicht auf, Gott zu gedenken."


Der Prophet akzeptiert hier das Gefühl der Überforderung und zeigt ihm einen Weg, wie er in dieser Situation die Beziehung zu Gott erhalten kann - ohne ihm dabei ein schlechtes Gefühl zu geben. Man könnte auch sagen: Der Prophet hatte eine konstruktive - nicht destruktive - Art und Weise. Vielleicht war diese Art auch ausschlaggebend dafür, dass die Prophetengefährten ihre Gedanken und Fragen dem Propheten gegenüber so offen äußern konnten.

Fazit

Bestimmte religiöse Texte oder Positionen hervorzuheben und gleichzeitig andere - bewusst oder unbewusst – nicht zu beachten, bedeutet, bestimmte Ansichten zu festigen und andere Perspektiven zu vergessen und zu verdrängen. So konnte sich die Ansicht, dass Frauen lieber zu Hause beten, durchsetzen. Dass selbst heutzutage der Zugang von Frauen zu Moscheen nicht als gleichwertig mit dem der Männer betrachtet wird, ist ein trauriges Zeugnis davon.


Ein Glück also, dass uns die Hadithe, die sich für den Moscheebesuch von Frauen aussprechen, erhalten geblieben sind, auch wenn sie ihre Wirkung nach dem Tod des Propheten verloren zu haben scheinen. 

ELIF GÖMLEKSIZ

mana-Team

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Infobox

Benutzte Quellen

  • Gömleksiz, Elif/Sarikaya, Yasar: Hadith und Hadithdidaktik. In: Jörg Imran Schröter (Hrsg.): Islamdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. Berlin 2020. S. 164-193.

  • Kurum, Emine: „Wahrlich, ich wurde als ein Lehrer gesandt […]“. Der Prophet Muhammad als Erzieher und Lehrer einer neuen Gemeinde. In: Yaşar Sarikaya, Franz Josef-Bäumer (Hrsg.): Aufbruch zu neuen Ufern. Aufgaben, Problemlagen und Profile einer Islamischen Religionspädagogik im europäischen Kontext. Unter Mitwirkung von Dorothea Ermert, Elif Gömleksiz, Rida Inam, Esma Öger-Tunc. Münster 2017. S. 35-52.

  • www.sunnah.com [zuletzt abgerufen: 04.10.2020].

Hadithe

  • Der "Das macht nichts!-Hadith: Bukhārī, ʿIlm 23.
  • Aischas feministische Kritik: Muslim, Ṣalāt 50-51; Bukhāri, Salāt 99.
  • Die relaxte Beziehung zum Propheten: Muslim, Siyām 35; Tirmidhī, Daʿwāt 4.
  • Moscheebesuch von Frauen: Muslim, Ṣalāt 30.