Darf man religiöse oder göttliche Aussagen und Gebote hinterfragen?

Spontan reagieren die meisten auf diese Frage wohl mit einem klaren „Nein!“. Doch bereits im Koran finden sich Erzählungen, in denen Propheten zu zweifeln scheinen oder Fragen an Gott richten, die heute kaum jemand stellen würde. Aber nicht nur die Propheten, sondern auch einer der wichtigsten islamischen Theologen, Al-Ghazālī, erlebte eine Zeit des fragenden Suchens. Also doch alles normal?

Leuchtendes Fragezeichen an der Wand

Abraham braucht einen Beweis für die Auferstehung der Toten

In der 2. Sure im 260. Vers wendet sich Abraham mit folgender Bitte (in freier Wiedergabe) an Gott: „Zeig mir, wie du die Toten lebendig machst.“ Gott fragt darauf: „Glaubst du denn nicht?“ Abraham antwortet: „Doch, aber mein Herz soll beruhigt sein.“ Daraufhin erfüllt Gott Abrahams Bitte.


Muslimische Kommentator*innen verstehen den Vers so, dass Abraham im Inneren vom Glauben überzeugt sei. Das erbetene Wunder soll seinen Glauben nur noch verstärken.


Wenn man die Lebensgeschichte Abrahams betrachtet, ist es nicht verwunderlich, dass er diese Versicherung braucht. Er lehnte sich schließlich gegen seinen Vater und sein ganzes Volk auf. Er zerstörte sogar deren Götzen. Kein Wunder also, dass Abrahams Volk nicht gut auf ihn zu sprechen war. Heutzutage reagieren Menschen schließlich auch sehr empfindlich, wenn ihre religiösen Gefühle verletzt werden. Abraham stand also mit seiner Haltung allein da, ohne den Rückhalt seiner Sippe, was in der damaligen Zeit gefährlich war.


Interessant ist, dass Abraham von seinem Herzen spricht, das Ruhe finden muss. Schließlich weist der Koran an anderer Stelle Wüstenaraber, die den Glauben angenommen haben, an zu sagen: „Sagt nicht, ihr glaubt. Sagt: Wir haben den Islam angenommen, denn der Glaube ist noch nicht in eure Herzen vorgedrungen.“


Wenn der Glaube also im Herzen wurzelt und Abraham von seinem Herz spricht, welches „beruhigt“ werden muss, könnte dies nicht zumindest auf eine verständliche Unsicherheit hinweisen? Schließlich riskiert Abraham mit seiner Hinwendung zu Gott sehr viel. Warum sollte er sonst Gott wegen eines Belegs fragen? Zwar hatte Abraham aus eigener Verstandeskraft zu Gott gefunden, doch ist der menschliche Verstand nicht vollkommen. Dies war Abraham sicherlich bewusst. Abraham verbirgt seine Unsicherheit jedoch nicht vor Gott – was sowieso nicht funktionieren kann –, sondern spricht sie an. Und Gott gibt ihm seinen Beweis. Ohne Zürnen, sondern mit Verständnis für Abrahams Situation.

Moses Bitte Gott sehen zu dürfen

Würdest du dich trauen, Gott darum zu bitten, sich dir zu zeigen? Findest du den Gedanken daran bereits verwegen? Damit bist du wohl nicht allein. Dabei gibt es unter islamischen Gelehrten unterschiedliche Meinungen dazu, ob dies möglich ist. Allerdings hat sich jene, dass es nicht möglich sei, durchgesetzt. Die Diskussionen entstanden aufgrund einer Bitte von Moses im Koran. Moses wandte sich direkt an Gott und erbat sich, ihn sehen zu dürfen.


Und wiederum ging Gott auf die Bitte ein. Zwar belehrte er Moses noch, dass er ihn nicht sehen können wird; dennoch enthüllte er sich bei einem Berg, der dabei zerstört wird. Moses selbst fällt bei diesem Vorgang in Ohnmacht. Auch hier reagiert Gott ohne Zögern auf die Anfrage seines Propheten. Was der Koran nicht erwähnt, ist der genaue Grund für Moses Bitte. Was glaubst du, warum Moses danach fragt?

Moses sucht Argumente gegen göttliche Entscheidungen

Moses fand es auch vollkommen in Ordnung über göttliche Entscheidungen zu diskutieren und Gegenvorschläge zu machen. Er war nämlich laut Koran – wie auch andere Propheten – gar nicht so begeistert von seiner zugeteilten Aufgabe zum Pharao zu gehen. Schließlich bedeutete dies öffentlich eine andere Meinung zu vertreten und gegen den Herrscher aufzubegehren. Daher versuchte er Gott zu überzeugen, dass sein Bruder Aaron viel besser geeignet sei. Er argumentiert also mit Gott, dass sein Bruder ein besserer Redner sei. Außerdem habe sich Aaron im Gegensatz zu ihm nicht eines Mordes schuldig gemacht, wodurch er vor dem Pharao überzeugender auftreten könne. Und wiederum zürnt Gott nicht über die "Frechheit" dieses Menschen, der seine Weisheit in Frage stellt. Vielmehr kommt Er Moses in seiner Not entgegen und lässt ihn die große Verantwortung mit seinem Bruder teilen. Es scheint sich also zu lohnen bei göttlichen Anordnungen ins Gespräch zu gehen. Denn wenn Gott bereits Propheten Erleichterungen schafft, warum dann nicht den einfachen Gläubigen?

Auch große Gelehrte zweifeln und haben Fragen

Al-Ghazālī gilt als einer der wichtigsten islamischen Gelehrten. Seine Werke hatten und haben einen großen Einfluss auf das Denken von Muslim*innen und islamischen Gelehrt*innen. Al-Ghazālī war Zeit seines Lebens von einem großen Wissensdurst geprägt und stellte sich viele Fragen. So zweifelte er zum Beispiel auch an der bloßen Nachahmung in religiösen Angelegenheiten (taqlīd), da er meinte, dass gerade das Nachdenken über Religion wichtig sei.


Lange rang al-Ghazālī mit sich zu der Frage, welcher religiöse Weg der richtige sei: Derjenige voller Regeln und feinen Justierungen oder derjenige der mystischen Gläubigen (Sufis), die zur Gotteserfahrung hinstreben. Diese Ungewissheit führte ihn, den großen islamischen Gelehrten, in eine Glaubenskrise. Auch weil er sich selbst hinterfragte, ob seine Absichten stets auf Gott gerichtet waren oder doch nur seinem eigenen Ruhm dienten. Was ihm bei seiner Suche Sicherheit gab, war die Gewissheit, dass Gott der Barmherzige ist.


Al-Ghazālī wäre nicht der große Denker, wenn er nicht einen Ausweg aus seiner misslichen Lage gefunden hätte. Hierbei stellte er ein System von verschiedenen Erkenntnisstufen auf. Die höchste Erkenntnisstufe nannte er „Schmecken“ (dhauq). Sie verweist darauf, dass Menschen mit dem Herzen und nicht mit dem Verstand dem Göttlichen nahekommen. Man muss Gott demnach in sein Herz und nicht in seinen Kopf hineinlassen. Dieser jeweils persönliche Zugang, für den sich eine Person erst selbst vorbereiten muss, war für al-Ghazālī eine tiefer gehende Glaubensart als jene der Gebote und Verbote. Ob er ohne Glaubenskrise je zu einer solchen Einsicht gekommen wäre?


Man könnte also sagen, dass die Lehren aus Koran und der Lebensgeschichte al-Ghazālīs eindeutig auf einen Sachverhalt hinweisen: Gott hört den Suchenden und (zweifelnd) Fragenden zu, wenn sie sich aufrichtig um seine Nähe bemühen. Und noch mehr: Er gibt ihnen Antwort. Denn wer nachfragt, beschäftigt sich mit Ihm und dies ist stets ein Anlass für den Barmherzigen, sich dem jeweiligen Menschen zu nähern.

ULRIKA KILIAN

mana-Team

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Infobox

Benutzte Quellen

  • Al-Daghistani, Raid: Muḥammad al-Ġazālī. Erkenntnislehre und Lebensweg. Freiburg. 2014.

  • Koran. Arabisch-Deutsch. Übersetzung und wissenschaftlicher Kommentar von Abdel Theodor Khoury. 12 Bände. Gütersloh. 1990. Band 2, Band 7, Band 10, Band 11.

Koranverse

  • Der Vers über die Wüstenaraber: 49:14.

  • Abrahams Frage: 2:260

  • Moses Bitte, Gott zu sehen: 7:143

  • Moses argumentiert mit Gott über seine Aufgabe (u. a.): 26:10, 28:34

  • Gott hört den Ruf der Rufenden: 2:186

Hadithe

  • Bukhārī: Sahīh, Tauhīd. 50

Weiterführende Quellen