Ist Arabisch eine göttliche Sprache?

Der Koran ist in Arabisch offenbart worden. Ist das eine besondere Auszeichnung des Arabischen? Und wenn ja, muss man dann mit Arabisch besonders umgehen?
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eine marode gelbliche Mauer, auf der arabische Schrift als ein weißes Grafitti steht
Bild von Sugar Pop auf Flickr |   CC 2.0 <

Arabisch ist die Muttersprache des Propheten und der ersten Hörer*innen

Der Koran wurde dem Propheten Muhammad innerhalb von 23 Jahren am Anfang des 7. Jahrhunderts offenbart. Die Muttersprache Muhammads war Arabisch, die er im Dialekt seiner Heimatstadt Mekka sprach. Ebenso waren diejenigen, an die der Prophet die Botschaft des Korans direkt weitertrug, arabische Muttersprachler*innen. In dieser Sprache wendet sich Gott an den Propheten des Islam. Das ist sinnvoll, weil ein Koran in Englisch oder Hindi vom Propheten und seinen Landsleute nicht verstanden worden wäre. 


Der Koran verweist selbst darauf, dass er in Arabisch sei und daher für alle in der Umgebung verständlich. Dies betont er, weil zu der damaligen Zeit auf der arabischen Halbinsel verschiedenste Dialekte gesprochen wurden. Im Koran ist jedoch vorwiegend die damalige arabische Hochsprache zu finden, die z. B. für Gedichte und bei Formalitäten verwendet wurde, aber nicht im Lebensalltag. Diese Sprache verband die verschiedenen Gruppen auf der Halbinsel mit ihren unterschiedlichen Dialekten.


In die heutige Zeit nach Deutschland übertragen sagt demnach der Koran, wenn er auf seine klare arabische Sprache verweist: Hört, ich bin in Hochdeutsch und nicht in Schwäbisch, Sorbisch, Türkisch oder Platt, so dass ihr alle, die ihr hier lebt, mich verstehen könnt.

Wenn eine Sprache göttlich ist, dann müssen alle göttlich sein

Muhammad ist also zunächst einmal der Gesandte an die arabisch sprechenden Menschen. Vor ihm haben bereits andere Propheten ihren jeweiligen Völkern von Gott berichtet. Denn, so sagt Gott im Koran, zu jeder Gemeinschaft ist ein Prophet gekommen. Natürlich wurden auch diese Gemeinschaften in ihrer jeweiligen Sprache von Gott angesprochen. Nimmt man den Koran beim Wort und erklärt gleichzeitig Arabisch zu einer göttlichen Sprache, so müsste demnach jede Sprache göttlich sein. Jeder Sprache müsste dann dieselbe Ehrerbietung gegenüber gebracht werden. Schließlich hat Gott zu einem bestimmten Zeitpunkt in jeder Sprache mittels eines Propheten zu den Menschen gesprochen.

Ist Arabisch besonders, weil sich Gott in dieser Sprache zum letzten Mal offenbarte?

Für viele Muslim*innen ist das Arabische dennoch eine besondere Sprache, weil sich Gott in ihr zum letzten Mal offenbart habe; schließlich sei Muhammad „das Siegel der Propheten“ und Gott habe somit Arabisch für seine letzte Botschaft ausgewählt. Mit dieser Sichtweise wird das klassische Arabisch zu einer besonderen Sprache erklärt.


Diese Ansicht ist sehr verbreitet, aber es kann dennoch anders argumentiert werden. So kann beispielsweise vorgebracht werden, dass Gott sich erst dann einer Gemeinschaft offenbart, wenn diese auch bereit für die Botschaft ist. In diesem Fall wären die Menschen auf der arabischen Halbinsel Muhammad vielleicht gar nicht gefolgt, wenn sie nicht bereits zuvor von Juden und Christen Berichte gehört hätten. Wenn man es so betrachtet, dann wäre der Zeitpunkt der Offenbarung in arabischer Sprache eine Barmherzigkeit Gottes und keine besondere Auszeichnung.


Zudem wird zwar heutzutage die Formulierung „Siegel der Propheten“ von Muslim*innen in der Mehrheit als „Abschluss der Prophetie“ verstanden, gleichzeitig gab es aber immer wieder innerislamische Prophetenbewegungen. Sie verstanden „Siegel“ als „Bestätigung der Prophetie“. So überliefert bspw. as-Suyūti, ein geachteter Gelehrter aus dem 15. Jahrhundert, in seinem Korankommentar unter anderem folgenden Hadith von ´Ā`ischa, der Lieblingsfrau Muhammads: „Sagt: ‚Siegel des Propheten‘, nicht: ,Nach ihm wird es keinen Propheten mehr geben‘.“ 

Arabisch schafft eine emotionale Brücke zu Gott und seinem Propheten

Ein anderer Punkt ist, dass viele nicht-arabischsprachige Muslim*innen eine emotionale Bindung an die arabische Sprache haben. Nur im Kontext der Religion kommen sie mit Arabisch in Berührung, wie z. B. beim Ritualgebet (namaz, salāt), bei Bittgebeten (duʿāʾ), beim Gedenken Gottes (dhikr), durch Kalligraphien oder der Rezitation des Korans. Dadurch kann eine besondere Bindung an das Arabische entstehen, da es direkt mit Gott in Verbindung gebracht wird. Auch werden dieselben Worte verwendet, die einstmals der Prophet des Islam sprach.


Das Arabische in seiner künstlerischen und klassischen Form wird so zu einer starken Verknüpfung zu Gott und seinem arabischsprachigen Propheten, indem es 1400 Jahre alte Worte lebendig und erfahrbar macht. Daraus entsteht bei Muslim*innen teilweise das Bedürfnis, mit arabischer Schrift und Sprache besonders sorgsam umzugehen. Dies ist ein völlig legitimer persönlicher Wunsch, der zu achten ist. Schließlich kann diese Person über das Arabische eine Verbindung zum Göttlichen aufbauen.

Arabisch ist eine alltägliche Sprache

Bei dieser positiven Behandlung des Arabischen wird jedoch manchmal vergessen, dass im heutigen Arabisch der Alltagswelt auch geflucht, gestritten, und gescherzt wird; dass Kinder arabischsprachige Cartoons sehen, Jugendliche arabischsprachiges Counter-Strike spielen, Graffitis an die Wände sprühen und dass auch in arabischsprachigen Ländern alte Zeitungen in den Müll kommen.


Arabisch ist nicht nur eine religiöse, sondern auch eine alltägliche Sprache. In dieser Ausprägung ist sie durch und durch menschlich. Dies gilt ebenso für den arabischen Begriff für Gott, Allah. Allah wird in arabischsprachigen Ländern auch von Christen genutzt wird, um auf ihre Vorstellung von Gott zu verweisen. Gleichfalls ist nicht jede arabische Kalligraphie ein Verweis auf Gott, sondern preist vielleicht nur den neusten Kinofilm an.

 

Letztlich bleibt also stets die Frage, was für eine emotionale Bindung eine Person an das Arabische hat. Die Sprache selbst ist dann vielleicht nicht göttlich, aber sie kann die Tür zum Göttlichen aufstoßen. Mit den unterschiedlichen Positionierungen sollte dabei stets wertschätzend umgegangen werden.

ULRIKA KILIAN

mana-Team

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Infobox

Benutzte Quellen

  • Asad, Muhammed: Die Botschaft des Korans. Übersetzung und Kommentar. 6. Auflage. Ostfildern, 2018.

  • Bobzin, Hartmut: Das Siegel der Propheten. Meimonides und das Verständnis von Mohammeds Prophetentum. S. 289-306. In: The Trias of Meimonides. Jewish, Arabic and Ancient Culture of Knowledge. Herausgegeben von Georges Tamer. Berlin, 2005.

  • Versteegh, Kees: The Arabic Language. New York, 1997.

Koranverse

  • Koran verweist auf seine arabische Sprache (Beispiele): 42:7; 46;12; 12:2; 20; 113; 16:103

  • Jede Gemeinschaft hat ihre Zeit und zu jeder ist ein Prophet gekommen (Beispiele): 10:47; 16:36

  • Gott offenbart stets in der Sprache derjenigen, die die Botschaft als erste hören: 14:4

  • Muhammed ist das Siegel der Propheten: 33:40