Können Muslim*innen deutsch sein?

„Ich bin muslimische*r Deutsche*r!“ Kannst du das mit Überzeugung von dir selber sagen? Vielen fällt es schwer, sich so zu bezeichnen. Aber warum ist das eigentlich so? Und sind diese beiden Eigenschaften überhaupt so wichtig, dass man sich über diese definieren muss? Was macht mich eigentlich wirklich aus? Und ändert sich das nicht in verschiedenen Situationen? Fragen über Fragen. Tauchen wir ein

Eine schwarze Radio-Kassette mit der handgeschriebenen Aufschrift "Und woher kommst du ursprünglich?"

Diese Frage spukt vielen Muslimen im Kopf herum. Aber warum eigentlich, wenn sie doch in Deutschland aufgewachsen sind, hier ihre Freund*innen haben und ihren Hobbys nachgehen? Sie könnten sich Deutschland genauso verbunden fühlen, wie es nicht-muslimische Deutsche tun. Dennoch entsteht die Frage, da ihnen häufig von der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft das Deutsch-Sein aberkannt wird. Bei dieser Aberkennung werden ihnen aufgrund ihres Glaubens Eigenschaften zugeschrieben, die mit dem gedachten Ideal des „Deutsch-Seins“ nicht konform gehen. Allerdings lässt sich fragen, warum eine Nationalität und ein Glaube sich überhaupt ausschließen sollten? Warum sollte es also buddhistische, atheistische, christliche und jüdische Deutsche geben, aber keine muslimischen? Und wann ist man überhaupt Deutsch?

Deutsch ist, wer Deutsch spricht – aber welches Deutsch?

Bei einer repräsentativen Studie des Berliner Instituts für empirische Migrations- und Integrationsforschung sagten 97% der Befragten, deutsch ist, wer Deutsch sprechen kann. Gut 80% fanden außerdem, dass man zusätzlich einen deutschen Pass haben muss.


Die Realität ist jedoch schwieriger. Denn das Deutsch muss für die meisten der Befragten akzentfrei gesprochen werden. Interessant ist hierbei, dass die innerdeutsche Sprachvielfalt nicht bedacht wird. So ist zum Beispiel im Süden des Landes ein gerolltes „r“ zu finden, das weiter nördlich nicht auftritt. Die Vielfalt des gesprochenen und des geschriebenen Standarddeutschs ist also bereits durch regionale Unterschiede hoch. Hinzu kommen besondere Sprachformen des Deutschen wie zum Beispiel Soziolekte, die nur von bestimmten Gruppen gesprochen werden (Jugendsprachen, Parteiensprache, Religionssprache), und Dialekte (Platt, Bayrisch, Schwäbisch).


Letztlich spricht niemand akzentfreies Deutsch, weil jeder Mensch eine regionale und familiäre Färbung des Deutschen aufweist. Dennoch haben die Befragten eine klare Vorstellung vom akzentfreien Deutsch im Kopf. Hier ist zu vermuten, dass an Akzente gedacht wird, die durch eine zweite Muttersprache (Französisch, Russisch) entstehen können. Dabei stellt sich die Frage, warum nicht, der Realität Deutschlands entsprechend, auch diese Akzente als Varianzen des gesprochenen Standarddeutsch anerkannt werden?

Deutsch-Sein wird an Äußerlichkeiten festgemacht

Wenn man es nun schafft, eine anerkannte deutsche Sprachform zu sprechen und dazu einen deutschen Pass hat, kommen Äußerlichkeiten ins Spiel. So sind knapp 2/5 der Befragten der erwähnten Studie der Meinung, dass Kopftuch tragende Frauen trotz allem nicht Deutsch-Sein können. Das heißt aber auch, dass die Mehrheit (3/5) Kopftuch und Deutsch-Sein als kompatibel ansehen. Natürlich gilt nicht nur das Kopftuch als Zeichen für das Anders-Sein. Ebenso können beispielsweise Hautteint, Haarfarbe oder Haarstruktur als Ausschlusskriterium gelten. So bestimmt stets die Norm, die die betrachtende Person im Kopf hat, was noch als „Deutsch“ gilt. Diese Norm wird umso durchlässiger, je vielfältiger der eigene Freundes- und Bekanntenkreis ist.

Wer andere nicht kennt, hat Vorurteile

Diese Vielfalt im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis ist jedoch häufig nicht gegeben. So haben viele deutsche Nicht-Muslim*innen keinen (freundschaftlichen) Kontakt mit deutschen Muslim*innen. Sie kennen nur jene Gesellen aus den Medien, die im Namen Gottes Gewalt anwenden. Leider wird dann häufig gedacht: So sind wohl alle Muslim*innen. Das heißt, es entstehen und verfestigen sich Vorurteile, die zu ablehnenden Haltungen gegenüber Muslim*innen führen.

Alles Schlechte machen die Anderen

Hinzukommt, dass Menschen bequem sind. Sie neigen dazu, schlechte Eigenschaften auf andere Menschengruppen zu schieben. Die vermeintlich schlechtere Gruppe ändert sich je nach Situation und ist mal der andere Fußballverein, Menschen mit anderer Religion oder auch mit anderer oder mehrfacher nationaler Zugehörigkeit. Dadurch fühlt man sich selbst in seiner eigenen Gruppe – also im eigenen Fußballverein, dem eigenen Studiengang der eigenen Religion – als besserer Mensch. Schließlich gehört man der vermeintlich besseren/zivilisierten Gruppe an, wobei die eigene Lebensweise zur einzig wahren erhoben wird. Die eigenen Fehler werden dabei gern übersehen. Dieser Gedankengang ist sehr menschlich und es gibt wohl niemanden, der*die nicht schon einmal in irgendeinem Punkt meinte, besser als Personen anderer Gruppen zu sein.

Die Abwehrhaltung von Muslimen

Die Sichtweise der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft hat Auswirkungen auf Muslime. So grenzen sie sich teilweise bewusst ab und pflegen ihrerseits Vorurteile gegen „Deutsche“. Einige Muslim*innen urteilen dabei über richtiges und falsches Verhalten anderer. Vor allem wenn sich ein*e Muslim*in zu „deutsch“ verhält, weil sie* zum Beispiel kein Kopftuch trägt oder einen Freund hat, weil er* Schweinefleisch isst oder Alkohol trinkt, wird schnell ein vernichtendes Urteil gefällt. Denn: Wer so etwas tut, kann kein*e Muslim*in sein! Dabei gibt es auch nicht-muslimische Deutsche, die Kopftuch tragen, auf „den/die Richtige*n“ warten, kein Schweinefleisch essen oder keinen Alkohol trinken. Muslime müssen sich also auch selbst fragen, wo sie fragwürdige Abgrenzungen bewusst oder unbewusst vornehmen.


Letztlich ist die Frage, ob es muslimische Deutsche gibt, stets individuell zu beantworten. Wichtig ist allerdings zu beachten, dass sich eine Person nicht auf diese zwei Dinge beschränken lässt. Man ist nicht nur deutsch und muslimisch, sondern z. B. auch Berliner*in, Student*in, Katzenliebhaber*in, Enkel*in, FiFa-Spieler*in und/oder Auszubildende*r. Jede Person bestimmt selbst, wer und was sie sein möchte. Das kann sich auch von Situation zu Situation wandeln. Warum sollte man aber in bestimmten Situationen nicht selbstbewusst als muslimische*r Deutsche*r auftreten? Man weiß immer selbst am besten, wer man ist. Und andere sollten da ungefragt nicht hineinreden.

ULRIKA KILIAN

mana-Team

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Benutzte Quellen

  • Amirpur, Katajun: Die Muslimisierung der Muslime. S. 197-204. In: Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu. Herausgegeben von Hilal Sezgin. Berlin, 2011.

  • Foroutan, Naika: Muslimbilder in Deutschland. Wahrnehmungen und Ausgrenzung in der Integrationsdebatte.Hergegeben von Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn. 2012. Online unter: http://library.fes.de/pdf-files/wiso/09438.pdf

  • Foroutan, Naika/Canan,Coşkun/ Arnold, Sina/Schwarze, Benjamin/Beigang, Steffen/ Kalkum, Dorina: Deutschland postmigrantisch I. Gesellschaft, Religion, Identität. Erste Ergebnisse. Herausgegeben von Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung,  Berlin. 2014. Online unter: https://www.projekte.hu-berlin.de/de/junited/deutschland-postmigrantisch-1/

  • Foroutan, Naika/Canan,Coşkun/Schwarze, Benjamin/Beigang, Steffen/ Kalkum, Dorina: Deutschland postmigrantisch II. Einstellungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Gesellschaft, Religion und Identität. Zweite Aktualisierte Ausgabe. Herausgegeben von Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung. Berlin, 2015. Online unter: https://www.projekte.hu-berlin.de/de/junited/deutschland-postmigrantisch-2-pdf

  • Shomann, Yasemin: Das Zusammenspiel von Kultur, Religion, Ethnizität und Geschlecht im antimuslimischen Rassismus. S. 53-57. In Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ). 32. Heft, Herausgegeben von Der Bundeszentrale für politische Bildung, Berlin, 2012.

Weiterführende Quellen

  • Zick, Andreas: Menschenfeindliche Vorurteile. S. 53-74. In: "Wer will die hier schon haben?" Ablehnungshaltungen und Diskriminierung in Deutschland. Herausgegeben von: Kurt Möller, Florian Neuscheler, Stuttgart, 2017.

  • Erb, Hans-Peter: Soziale Identität. Kanal: Sozialpsychologie mit Prof. Dr. Erb. Youtube;  27.03.2018. [www.youtube.com/watch?v=FBwAhrmIbxo; zuletzt abgerufen: 07.03.2019]

  • Erb, Hans-Peter: Der Sündenbock: Schuld sind immer die anderen. Kanal: Sozialpsychologie mit Prof. Dr. Erb. Youtube;  20.12.2018. [www.youtube.com/watch?v=K-eEV9TT5bQ; zuletzt abgerufen: 15.03.2019]

  • Erb, Hans-Peter: Was sind Vorurteile? Kanal: Sozialpsychologie mit Prof. Dr. Erb. Youtube;  06.12.2018. [www.youtube.com/watch?v=7kKXXA7AUFw; zuletzt abgerufen: 15.03.2019]