Was haben 7/8 Hosen mit dem Islam zu tun?

7/8 Hosen (englisch „ankle pants“) sind aus den Fashiontrends nicht mehr wegzudenken. Googelt man „ankle pants“ und „Islam“ , stößt man auf Foren, wo Muslim*innen darüber diskutieren, ob es in Ordnung ist, die Hosen länger als unter den Fußknöcheln zu tragen. Was hat es mit dieser Diskussion auf sich?

Knieabwärts werden zwei Fußpaare gezeigt. Das eine  Fußpaar steht seitlich vom anderen Fußpaares und zeigt in dessen Richtung. Die Hosen haben eine 7/8 Länge.
Bild: mana-Redaktion

Hat der Prophet empfohlen, Hosen über den Fußknöcheln zu tragen?

Tatsächlich gibt es überlieferte Aussprüche des Propheten Muhammad zu diesem Thema, die von verschiedenen Prophetengefährten wie Ibn ʿUmar oder Abū Huraira tradiert werden. Und wie es für Hadithe üblich ist, gibt es eine Palette an unterschiedlichen Aussagen.


Ein vielzitierter Hadith stammt von Abū Huraira; er berichtet, dass er den Propheten Folgendes sagen hörte:

„Der Teil des Izārs, der unter den Fußknöcheln hängt, ist im (Höllen-)Feuer.“

Izār ist ein damals in der Region verbreitetes Kleidungsstück. Es ist ein großes rechteckiges Stück Stoff, das man sich einfach um die Taille gewickelt und festgebunden hat - so wie das Untergewand, das heute muslimische Männer bei der Pilgerfahrt (Hadsch) tragen.


Falls dieser Ausspruch wirklich vom Propheten stammt, können wir zunächst festhalten: Der Prophet fand es nicht gut, die "Unterkleidung" über die Fußknöchel hinaus hängen zu lassen. Doch wie kommt es, dass der Prophet dies so negativ bewertet hat?

Ging es dem Propheten wirklich um die Hosenlänge?

Dies erfahren wir in einem anderen Hadith. Deshalb lohnt es sich, ein Hadith nicht alleinstehend zu betrachten, sondern verschiedene Hadithe zu einem bestimmten Thema miteinander zu vergleichen.

Abdullāh b. Umar berichtet, dass der Prophet Folgendes gesagt habe:

„Wer den Izār aus Arroganz hinter sich her schleifen bzw. herunterhängen lässt, den wird Gott nicht anschauen.“

Abū Bakr - auch bekannt als treuer Freund des Propheten - war besorgt, als er diese Worte hörte. Er sagte zum Propheten: „O Gesandter Gottes! Ein Teil meines Izārs hängt herab, wenn ich nicht aufpasse.“ Der Prophet beruhigte ihn: „Du gehörst nicht zu denjenigen, die dies aus Arroganz tun.“ (3)


Für den Propheten war das anscheinend deswegen problematisch, weil es damals Menschen gab, die mit Absicht und aus Arroganz ihre Kleidung so herunterhängen ließen, dass sie den Boden streifte.

Es geht um Arroganz und Protzerei

Warum diese Handlung damals so negativ bewertet wurde, versteht man nur, wenn man sich die damaligen Lebensumstände und die Kleidungskultur betrachtet. Damals war es üblich, dass Menschen, die wohlhabender waren, ihre Kleidung so lang trugen, dass sie auf dem Boden schliffen und dreckig wurden (dieser Brauch wurde isbāl genannt). Damit hat man im Grunde genommen gesagt: „Ich bin so wohlhabend, dass es mir ganz egal ist, wenn meine Kleidung dreckig wird. Ich hab genug davon." So hat man sich von anderen abgehoben. Denn Stoff war damals Luxusware. Für uns ist das heute undenkbar, da wir in Zeiten von Fast Fashion leben und sich jede*r im Durchschnitt je 60 neue Kleidungsstücke im Jahr kauft.


Auch aus anderen Hadithen können wir herauslesen, dass ausreichend Kleidungsstücke zu besitzen in dem Kontext keine Selbstverständlichkeit war. Beispielsweise soll der Prophet einem Hadith zufolge während eines Gemeinschaftsgebets den Frauen in der Moschee gesagt haben, dass sie sich so lange nicht von der Niederwerfung (sajda) aufrichten sollen, bis sich die Männer aufgerichtet haben. Der Grund: Die Männer hatten ein Bedeckungsproblem bzw. manche waren nicht sehr achtsam, was die Bedeckung ihrer Schamteile anging. Das Stück Stoff, das sie sich einfach um den Hals umbanden, konnte während des Ritualgebets schon mal hin- und her rutschen und war zu klein, um alles gut zu bedecken. So offenbarten sich bei den verschiedenen Gebetshaltungen unangemessene Einblicke. Da die Frauen damals direkt ohne eine Abtrennung hinter den Männern beteten, sah sich der Prophet wohl zu so einer Aussage gezwungen (4).

Hat der Prophet damit nur Männer angesprochen?

Interessant ist, dass in den Hadithen zu diesem Thema keine Unterscheidung zwischen Männern und Frauen gemacht wird. Lediglich in einer Hadithversion gibt es einen Zusatz, in dem dies von Umm Salama, einer Ehefrau des Propheten, zum Thema gemacht wird. Die Überlieferung lautet wie folgt:

Ibn ʿUmar überliefert, dass der Prophet gesagt habe:


„Wer den Izār aus Arroganz hinter sich her schleifen bzw. herunterhängen lässt, den wird Gott nicht anschauen. Umm Salama sagte: "O Gesandter Gottes, was sollen Frauen mit ihren Kleidersäumen tun?“ Der Prophet sagte: „Lasst ihn eine Handspanne herunter.“ Umm Salama entgegnete: „Aber dann ist sie unbedeckt (in einer anderen Version „Dann sind die Füße (in einer anderen Version ,die Beine‘) zu sehen.“) Der Prophet sagte daraufhin: „Dann lasst ihn eine Unterarmlänge herunter, aber nicht mehr als das.“


Spannend ist, dass der Prophet dies selbst nicht zum Thema macht, sondern er reagiert auf das Bedürfnis von Umm Salama, bei der die Frage aufkommt, wie sich die Frauen in diesem Fall zu kleiden haben. Mit seiner ersten Antwort ist sie nicht zufrieden und "verhandelt" eine Erlaubnis aus, die Kleidung etwas länger zu tragen. Wenn ich den Hadith lese, stellt sich mir die Frage, ob der Prophet wirklich eine grundsätzliche geschlechtliche Unterscheidung im Blick hatte oder hier lediglich auf das Bedürfnis Umm Salamas eingeht.


Eine noch wichtigere Frage ist hier jedoch: Wie authentisch ist der Hadith? Da der Großteil der Hadithe zu diesem Thema (und es gibt wirklich viele Hadithe dazu) diesen Teil nicht enthält, sind Zweifel angebracht. Es könnte sich hier durchaus auch um einen später hinzugefügten Zusatz handeln, der die späteren Diskussionen von Muslim*innen widerspiegelt. Es ist nicht unüblich, dass sich solche Zusätze mit der Zeit in Hadithe, die ja eine lange Zeit mündlich überliefert wurden, eingeschlichen haben.

Der Hadith wirft die Frage auf: Was kommunizieren wir mit Kleidung?

Schon die klassischen muslimischen Gelehrten haben den Hadith unterschiedlich interpretiert. Während die einen grundsätzlich daran festhielten, dass es unzulässig ist, Hosen unterhalb der Fußknöchel zu tragen, haben andere den dahinterstehenden Sinn, nämlich das Thema Arroganz, betrachtet.


Auch ich lese den Hadith vor dem Hintergrund seines Kontextes: In jedem Kontext ist Kleidung anders kodiert. Welche Kleidung angemessen ist, unterscheidet sich von Kultur zu Kultur, ändert sich im Laufe der Zeit und den veränderten Lebensumständen. Es geht hier also meines Erachtens nicht um die Hosenlänge. Der Hadith zeigt uns vielmehr, dass es beim Thema Kleidung eben nicht nur darum geht, wie bedeckt man ist, was im islamischen Kontext oftmals die erste Assoziation ist. Es geht um ethische Fragen: Was kommuniziere ich mit meiner Kleidung? Welche Funktion hat Kleidung für mich? Worauf achte ich, wenn ich ein neues Kleidungsstück kaufe? Was ist ethisch vertretbar, was Kleidung und Kleiderkonsum angeht?


Die Islamwissenschaftlerin Hannan Salamat fragt also zu Recht:

„Was ist ḥalāl-Kleidung nicht? Geht es dabei nur darum, wie viele Körperteile wie stark verhüllt sind? Darf ich Kleidung tragen, die mithilfe von Kinderarbeit, unter unfairen Löhnen und unmenschlichen Arbeitsumständen produziert wurde?“
ELIF GÖMLEKSIZ

mana-Team

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Infobox

Benutzte Quellen

Hadithe

  • Bukhārī: Ṣaḥīḥ, Libās 1, 2, 4.
  • Bukhārī: Ṣahīh, Ṣalāṭ 6.
  • Tirmidhī: Djāmiʿ, Libās 9; Nasāʾī: Sunan, Zīna 105; Ibn Māǧa: Sunan, Libās, Nr. 3714.