Was ist ein Hadith?

Ob bei einer Unterhaltung mit Freund*innen, als Freitagsgruß in Whatsapp-Gruppenchats oder bei hitzigen theologischen Diskussionen: Hadithe sind allgegenwärtig und spielen eine wichtige Rolle im Alltag von gläubigen Muslim*innen. Doch was genau sind Hadithe? Und wie wurden sie damals festgehalten?

Auf einem orange-roten Hintergrund steht  das Wort Hadith in dreidimensionaler, illustrierter Schrift
Bild: mana-Redaktion

Ein Hadith ist ein Bericht darüber, was der Prophet Muhammad


• gesagt

• getan oder

• unkommentiert zugelassen hat.


Hadithe können von ganz unterschiedlichen Themen handeln; z.B. davon, wie der Prophet das Gebet verrichtet hat, wie er sich gegenüber seinen Mitmenschen verhalten hat bis hin zu welche Kleidung er trug oder was sein Lieblingsessen war.

Warum sind Hadithe wichtig?

„Eine leuchtende Lampe“ und „ein schönes Beispiel“ „mit großartigem Charakter": So wird der Prophet Muhammad im Koran beschrieben. Nach muslimischem Verständnis ist der Prophet Muhammad mehr als nur ein "Postbote", der den Koran erhalten und an die Menschen übermittelt hat. Er ist ein Vorbild, der die Werte des Korans im konkreten Alltag vorgelebt und sich durch seine Lebensweise ausgezeichnet hat. Aischa, eine Ehefrau des Propheten, beschreibt ihn daher auch als lebendigen Koran.


Wo der Koran oftmals auf einer abstrakten Ebene bleibt, sind Hadithe sehr praktisch und alltagsbezogen. Ein einfaches Beispiel: Wir lernen im Koran, wie wichtig das Pflichtgebet für den Menschen und seine Beziehung zu Gott ist. Durch die Hadithe wissen wir jedoch erst, wie das Gebet in der Praxis aussieht.


Auch viele andere Praktiken im Alltag gehen nicht auf den Koran, sondern auf das prophetische Vorbild zurück: Die Tradition, z.B. alltägliche Handlungen wie das Essen mit „Bismillah“ („Im Namen Gottes“) zu beginnen. Oder beim Fasten nicht nur auf das Essen zu verzichten, sondern auch „mit der Zunge“ zu fasten, sprich niemanden mit Worten zu verletzen.

Wie wurden Hadithe festgehalten?

Während der Lebzeit des Propheten verbrachte die muslimische Community in Medina viel Zeit mit ihm. Er war da, wenn die Menschen Fragen zum Koran oder auch andere Lebensfragen hatten.


(Im Übrigen: Nicht alle Muslim*innen hatten damals diese Möglichkeit. Es gab Menschen, die aus entfernten Orten nach Medina zum Propheten kamen, kurz von ihm in die Botschaft des Islam eingeführt wurden und dann wieder zurückreisten.)


Nach dem Tod des Propheten Muhammad begannen die Prophetengefährten (sahāba) sich an die Worte, Taten und auch die Persönlichkeit des Propheten zurückzuerinnern und diese Erinnerungen mit den anderen zu teilen. Das heißt, man erzählte sich gegenseitig, was man entweder selbst vom Propheten mitbekam oder was man von anderen über ihn erfuhr.


Die Hadithe wurden also zunächst mündlich weitergegeben. Es gab zwar vereinzelte Prophetengefährten wie Abdallah b. Amr (gest. 682), die sich die Hadithe aufgeschrieben haben sollen. Doch diese waren nicht als „Hadithsammlungen“ gedacht, in denen Hadithe wortwörtlich festgehalten wurden. Es waren eher Notizhefte, in denen man festhielt, was einem wichtig war - u.a. auch persönliche Kommentare. Diese Notizhefte sind leider nicht erhalten geblieben.


Später - ab dem 8. Jh. - fing man an, Hadithe zu sammeln und schriftlich festzuhalten, um sie zusätzlich abzusichern. Dass immer mehr gefälschte und erfundene Hadithe auftauchten, motivierte die Hadithexperten besonders, Hadithe aufzuschreiben. So entstanden erste größere Hadithsammlungen. Die heute unter Muslim*innen bekanntesten sind die von Bukhārī und Muslim aus dem 9. Jahrhundert.

Was haben Ketten mit Hadithen zu tun?

Streng genommen nichts; im übertragenen Sinne schon. Ein Hadith besteht nämlich aus einer sogenannten Überliefererkette (isnād) und dem eigentlichen Inhalt, der die Worte oder Taten des Propheten beschreibt. Also so:

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Die Überliefererkette gibt an, wer den Hadith von wem gehört hat bzw. gehört haben soll. Weil immer mehr gefälschte und erfundene Hadithe im Umlauf waren, wurde es umso notwendiger, dass die Hadithüberlieferer ihre Quelle korrekt angaben.

Dies hatten sie bis dahin schon auf intuitive Weise getan ("Ich habe von x gehört"), wie man das eben tut, wenn man über Gehörtes berichtet, doch zu diesem Zeitpunkt wurde es zu einer Verpflichtung, die die Hadithexpert*innen auch genauer unter die Lupe nahmen und dokumentierten.


Anhand der Überliefererkette wurde untersucht: Wann haben diese Personen gelebt? Wo haben sie gelebt? Kann es sein, dass sie sich persönlich getroffen haben? So entstand eine eigenständige, sehr spezielle Wissensdisziplin: Die sogenannte Überliefererkritik (isnād-Kritik). Und auch andere Methoden wurden entwickelt, um zu überprüfen, wie wahrscheinlich ein Hadith die Worte des Propheten wiedergibt.

Und woher weiß ich, dass der Prophet etwas wirklich oder so gesagt hat?

Das ist ein komplexes Thema, das einen eigenen Artikel verdient. Aber in aller Einfachheit und Kürze: 100 % sicher können wir uns nicht sein, weil es zu viele Unsicherheitsfaktoren gibt. Wir können eher von wahrscheinlich oder unwahrscheinlich sprechen.


Gerade weil es nicht so einfach war, diese Frage zu beantworten, haben sich muslimische Theolog*innen den Kopf darüber zerbrochen und es sind eigenständige Wissensdisziplinen und unterschiedliche Herangehensweisen entstanden. Die hanafitischen Gelehrten hatten z.B. einen anderen Ansatz als die Schafiitischen. Und je nachdem, welche Kriterien und Methoden angewandt wurden, konnten sie zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Auch heute gibt es unter Muslim*innen verschiedene Ansätze in Bezug auf die Hadithe.

ELIF GÖMLEKSIZ

mana-Team

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Infobox

Benutzte Quellen

  • Brown, Jonathan A.C.: Hadith. Muhammad’s Legacy in the medieval World. Oxford 2010.

  • Gharaibeh, Muhammad: Einführung in die Wissenschaften des Hadith, seine Überlieferungsgeschichte und Literatur. Freiburg i. Br., 2016.

  • Gömleksiz, Elif/Sarikaya, Yasar: Hadith und Hadithdidaktik. In: Jörg Imran Schröter (Hrsg.): Islamdidaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II. Berlin 2020. S. 164-193.

  • www.sunnah.com [zuletzt abgerufen: 06.09.2020].

Koranverse

  • Zum Propheten Muhammad: „leuchtende Lampe" (33:46); „ein schönes Beispiel“ (33:21); „mit großartigem Charakter“ (68:4)

Hadithe

  • Bukhārī: Sahīh, Atʿima 32.