Wie passt ein barmherziger Gott und (das) Leid in der Welt zusammen?

Wenn Gott doch barmherzig ist, warum lässt er dann Leid auf der Welt zu?

Was bedeutet Leid und woher kommt es?


Diese Frage wirft aus theologischer Perspektive mehrere Probleme auf. Denn wenn diese Frage weitergedacht wird, kommen wir zwangsläufig auf Fragen wie „wenn Gott nicht böse ist, aber alles erschaffen hat, woher kommt dann das Böse? Dann müsste es neben Gott noch eine andere, ebenso mächtige Instanz geben, die das Böse verursacht.“ Aus monotheistischer Perspektive ist so ein Denken jedoch kategorisch abzulehnen, da wir nur an den einen einzigen Gott glauben, auf den alle Dinge zurückgehen und diese Annahme širk (Gott einen Partner beigesellen) wäre. Daraus lässt sich für monotheistische Theolog*innen nur schließen, dass wir unsere Denkmuster überprüfen müssen. Gott muss also anders sein, als wir Menschen uns Gott denken. Seine Art zu handeln und zu schaffen darf augenscheinlich nicht analog, also entsprechend, zu menschlichem Handeln gedacht werden.

Der franz. Philosoph Ricour (gest. 2005) beschäftigte sich mit der Frage nach dem Leid in der Welt. Er stellte fest, dass folgende drei Aussagen sich widersprechen: Gott ist allmächtig, Gott ist absolut gut und es existiert Böses in der Welt. Der Widerspruch entsteht dadurch, dass wenn Gott allmächtig ist und nur Gutes will, es nichts Böses in der Welt geben könnte. Dennoch gibt es Leid und Unterdrückung. Genau das ist ein Problem.

Wie gingen muslimische Theolog*innen in der Vergangenheit mit diesem Problem um?

Dieses Thema stellte sich den muslimischen Gelehrt*innen immer im Schlepptau anderer theologisch zentraler Fragen wie z.B. der Attributenlehre (die Lehre der Gottesvorstellung anhand seiner Eigenschaften), der Willensfreiheit des Menschen und der Eschatologie (Fragen zu dem Leben nach dem Tod und des jenseitigen Gerichts). In einer etwas verkürzten aber anschaulichen Form lässt sich festhalten, dass vor allem drei Positionen diesen Diskurs in der islamischen Theologie maßgeblich bestimmten: Die Vertreter*innen der Omnipotenz, also der Allmacht Gottes (ʿAšʿarīyya) versus die Vertreter*innen der Gerechtigkeit und Einheit Gottes (Muʿtazila) versus die Vertreter*innen der Weisheit Gottes (Māturīdīya), die einen Mittelweg einschlagen. Die Kernidee der ʿAšʿarīten ist, dass Gott immer anders ist, als wir Ihn uns vorstellen. Er wird durch nichts und niemanden in Seinem Handeln beschränkt oder beeinflusst. Wir Menschen können Seine Handlungen daher nicht mit unseren menschlichen Vorstellungen von Gut und Böse beurteilen. Die Frage nach dem Übel in der Welt stellt sich für sie nicht wirklich, da erst mit der Offenbarung bestimmt wird, was als gut und was als böse anzusehen ist. Da Gott die Gesetze macht, ist Er als Gesetzgeber auch über jegliche Rechenschaft erhaben. Nach Gründen für Gottes Handlungen zu suchen, ist diesem Ansatz zufolge sinnlos und unehrerbietig. Auch ist die Handlungsfreiheit des Menschen nicht mehr als eine Illusion, da es keine Kraft gibt, außer das Gott sie erschafft.

Die Muʿtaziliten hingegen, die von der absoluten Gerechtigkeit Gottes ausgehen, meinen, dass jegliche jenseitige Gerichtsbarkeit ihren Sinn verliert, wenn dem Menschen nicht die Eigenverantwortlichkeit und somit auch seine Freiheit zugesprochen wird. Zwar gestehen sie ein, dass es Übel auf der Welt gibt, teilen es aber in zwei Arten des Übels ein. Zum einen führen sie das Übel an, für das alleinig der Mensch selbst verantwortlich ist. Gott könne daher nicht für die Missetaten des Menschen zur Rechenschaft gezogen werden (wie Krieg oder Diebstahl). Zum anderen verweisen sie auf unverschuldetes Übel wie Krankheit und Behinderung. Hier bestreiten sie, dass es sich überhaupt um „Übel“ handelt und interpretieren derartiges Leiden als Folge einer Handlung mit weisen Absichten, die als „Prüfung“ für die Menschen bewertet wird.

Die Māturīditen versuchen nun die Mitte zwischen diesen Extremen zu finden, indem sie argumentieren, dass es ohne Weisheit als Vorbedingung keine Gerechtigkeit geben könne. Daher sei es falsch, die Allmacht Gottes allein ins Zentrum der Gottesvorstellung zu rücken, da das die Idee des Tyrannen-Gottes stärke. Also eines Gottes, dem die Menschen hilflos ausgeliefert sind. Nur wenn Gott in erster Linie als weise gedacht werde, könne im Folgenden auch gesagt werden, dass Er aufgrund seiner Weisheit auch gerecht, gut und barmherzig ist.

Dies zeigt sehr deutlich wie zentral die Attributenlehre (die Lehre von den Eigenschaften Gottes) für die islamische Theologie und die jeweilige Gottesanschauung ist. Je nachdem welches Attribut der/die Theologe*in ins Zentrum seiner Gottesvorstellung setzt (ʿAšʿarīten Allmacht, Muʿtaziliten die Gerechtigkeit und die Māturīditen die Weisheit), ändert sich das theologische Gesamtkonzept und somit auch die Antwort auf die Theodizee-Frage. Etwas pauschalisiert kann jedoch behauptet werden, dass der Gedanke, dass diese Welt nur als eine Prüfung angesehen werden muss, die uns auf das Jenseits vorbereitet, sich allgemein durchgesetzt hat und das Gewissen und die Spiritualität der Muslim*innen bestimmt.

Für die heutige Lebenswelt der Muslim*innen ist festzuhalten, dass sich der muʿtazilitische Gedanke durchgesetzt hat, wonach Leid und Übel in der Welt stets eine Prüfung für die jenseitige Welt sind. Entsprechend steht also die Gerechtigkeit Gottes im Fokus.

 



HUREYRE KAM

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